Als es Anfang Februar in der Runderneuerung von Reifen Stiebling zu einem Feuer kam, hatten die Beschäftigten und das Unternehmen selbst von „Glück im Unglück“ gesprochen angesichts eines vermeintlich glimpflichen Ausgangs. Während sich der Schaden in der Produktion auf den ersten Blick in Grenzen hielt, zeigte sich aber vier Tage später, als Inhaber und Mitarbeiter die Produktionshalle am Reifen-Stiebling-Hauptsitz in Herne wieder betreten durften, dass der Schaden doch höher ausgefallen war als zunächst angenommen. Nun, ein gutes halbes Jahr später, läuft die Runderneuerung wieder auf Hochtouren und Christian und Alexander Stiebling erläutern im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG, was am 7. Februar geschehen ist und wie man daraufhin sicherstellen konnte, ohne Produktionsausfall die Zeit bis zur Wiederinbetriebnahme einer außerdem deutlich erweiterten Anlage zu überbrücken und sich damit gleichzeitig „enkelfähig“ aufzustellen.
Lösungsmittel sind gemeinhin leicht entzündlich und brennbar und vertragen sich folglich nicht gut mit Funken. Da beides in einer Runderneuerungsstätte zur Genüge vorkommt – also Lösungsmittel zur Verbesserung der Verbindung zwischen Laufstreifen und Karkasse sowie Funken vom Ausschleifen der Karkasse vor einer etwaigen Reparatur – besteht prinzipiell die Gefahr eines Feuers. Und genau diese theoretische Gefahr wurde Anfang Februar bei Reifen Stiebling unangenehme praktische Realität. Obwohl die Mitarbeiter in der Runderneuerung blitzschnell auf das sich vom sogenannten Spritztunnel her ausbreitende Feuer reagiert haben, die Feuerwehr bereits vier Minuten nach der Alarmierung vor Ort und das Feuer nach insgesamt 15 Minuten gelöscht war, belief sich der Schaden am Ende auf immerhin 350.000 Euro. Denn nicht nur der Spritztunnel war hinüber, auch mussten zur Wiederinbetriebnahme der Anlage zahllose technischen Leitungen und Installationen erneuert und die Produktionshalle selbst komplett saniert und das verbleibende Produktionsequipment vom Ruß befreit werden.
Unter ‚normalen‘ Umständen hätte der Ausfall eines für die Kaltrunderneuerung zentralen Aggregates wie dem Spritztunnel die Produktion über Wochen hinaus stillgelegt, ist passender Ersatz doch üblicherweise nicht sofort zu haben. Reifen Stiebling ist bekanntlich Team-Gesellschafter, was auch für Reifenhaus Caspar Wrede aus Münster gilt, seinerseits ebenfalls Kaltrunderneuerer. Einem technisch überaus versierten Wrede-Mitarbeiter war es gelungen, den bei dem Feuer zerstörten Spritztunnel für Reifen Stiebling voll funktionsfähig in Handarbeit nachzubauen, „und das innerhalb von sage und schreibe nur drei Wochen“, zeigt sich Christian Stiebling immer noch begeistert von der Hilfsbereitschaft der Kollegen. Der neue Spritztunnel, den man in Herne nicht als Provisorium ansieht, war damit sogar rund zwei Wochen früher fertig als die notwendigen Renovierungsarbeiten in der Halle selbst. Und der Spritztunnel steht heute natürlich deutlich weiter entfernt von dem Arbeitsplatz, an dem die Reifen für die Reparatur ausgeschliffen werden, und ist außerdem durch eine Schutzwand von diesem getrennt.
So konnte man bei Reifen Stiebling die Produktion nach nur rund fünf Wochen wieder in Betrieb nehmen, und das „ohne Produktionsausfall“, wie Alexander Stiebling unterstreicht. Wie das? Auch dabei habe sich die Mitgliedschaft des Hersteller Filialisten und Runderneuerers in der Kooperation Team bezahlt gemacht, der eben auch Reifen Lorenz angehört. Das Unternehmen mit Sitz in Lauf an der Pegnitz (Bayern) betreibt selbst zwei Runderneuerungswerke, die technisch und qualitativ gut zur Reifen-Stiebling-Runderneuerung passen. Und bei Reifen Lorenz habe man Kapazitäten nutzen können, um den bei Reifen Stiebling auflaufenden Produktionsausfall zu kompensieren. Dies habe zwar einen nicht ganz unerheblichen logistischen Aufwand bedeutet, dennoch sei man in Herne ja froh darüber gewesen, Kunden weiterhin und wie gewohnt mit runderneuerten Reifen versorgen zu können. Außerdem habe man in der Zeit zwischen dem Feuer bis zur Wiederinbetriebnahme der eigenen Runderneuerung natürlich eigene Lagerbestände deutlich reduziert.
Dass bei dem Feuer ansonsten keine weitere zentrale Anlage des Produktionsequipments ersthaften Schaden genommen hat, darüber sind Christian Stiebling und Sohn Alexander Stiebling überaus glücklich. Denn nachdem man 2023 die Pläne zum kompletten Neubau einer Kaltrunderneuerung aufgrund der Kosten verworfen und stattdessen auf die umfassende Modernisierung und Erweiterung der Produktion am bestehenden Standort gesetzt hatte, lief diese bereits, als das Feuer Anfang Februar in Herne ausbrach. So hatte man die neue Raumaschine erst sechs Wochen vor dem Feuer am Standort in Betrieb genommen, während man auf den bestellten Belegeextruder damals noch gewartet hatte; dieser war nun erst kürzlich Anfang Juli geliefert und installiert worden. Den Autoklaven und die Monorailbahn durch die Produktionsstätte konnten weitergenutzt werden, eine Shearografie betreibt Reifen Stiebling nicht.

Die Gesamtinvestitionen am Standort in Herne einschließlich des feuerbedingten Schadens beliefen sich Christian Stiebling zufolge auf rund 1,2 Millionen Euro, während der ursprünglich geplante, dann aber verworfene Neubau rund fünf Millionen Euro verschlungen hätte. Zu den Investitionen, die jetzt getätigt wurden, zählt im Übrigen auch eine neue Druckprüfanlage. Alle drei neuen Anlagen (Raumaschine, Extruder und Druckprüfung) hatte Reifen Stiebling im vergangenen Jahr bei Matteuzzi bestellt, wobei die Stieblings insbesondere den neuen und natürlich hochmodernen Belegeextruder vom Typ RAS 60 – 2M AZ Smart angesichts seiner Präzision beim Auftragen des Bindegummis und beim spannungsfreien Belegen der Karkasse mit dem Laufstreifen als „Gamechanger“ im Prozess betrachten, der insofern außerdem noch einmal in die Qualität der in Herne entstehenden kaltrunderneuerten Reifen einzahle. Und eben in die Effizienz.
Das neue Equipment, das jetzt seit einigen Wochen in der Runderneuerung im Einsatz ist, habe nämlich auch dafür gesorgt, dass Reifen Stiebling nun gut 40 Prozent mehr Lkw- und Busreifen runderneuern kann als zuvor. Früher lag die Jahreskapazität bzw. die Jahresproduktion in Herne bei rund 12.000 Reifen, nun stehe man bei rund 17.000 Reifen, gerechnet im sechstägigen Zwei-Schicht-Betrieb und vier Kesseln täglich. Damit ist Reifen Stiebling auch größter ContiTread-Runderneuerungspartner von Continental.
Blickt man auf dem deutschen und dem europäischen Reifenmarkt um sich, dann schließen Runderneuerer vielfach ihre Werke, zuletzt etwa die Dresdner Reifen Zentrale (DRZ), ihrerseits ebenfalls Team-Gesellschafter. Wäre das Feuer nicht eine ‚passende‘ Gelegenheit gewesen, es diesen Unternehmen gleich zu tun und sich aus dem augenscheinlich schwierigen Runderneuerungsmarkt zurückzuziehen? Natürlich nicht, betonen Christian und Alexander Stiebling, und denken dabei nicht einmal an die unmittelbaren Begleiterscheinungen des Feuers. „Wir vertrauen auf die Zukunft der Runderneuerung und wollen unsere Produktion enkelfähig machen“, so der Juniorchef, der seit Dezember 2020 Geschäftsführer von Reifen Stiebling ist. Die Runderneuerung werde „wieder an Fahrt aufnehmen“, wenn nicht heute, dann aber morgen oder übermorgen, und zwar, „weil es viele gute Argumente für dieses Produkt gibt“, ist man sich in Herne sicher. Dies habe man sich auch vor einigen Jahren von seinen Kunden so bestätigen lassen, als der Neubau der Runderneuerung samt Modernisierung und Produktionserweiterung in Herne zur Diskussion stand. Hinzu komme noch, dass eben immer wieder Runderneuerer schließen und sich daher die Nachfrage auf die verbleibenden wettbewerbsfähigen Hersteller verdichtet. Wichtig sei Alexander Stiebling außerdem auch festzustellen, dass das Filialgeschäft die Runderneuerung nicht „durchfüttern muss“, sondern dass die Produktion in Herne sich wirtschaftlich selber trägt. Auch die Investitionen bei anderen mittelständischen Runderneuerern in Deutschland belegten, dass das Geschäft – richtig in das eigene Angebot an Nfz-Reifen und -Dienstleistungen eingebunden – sehr wohl eine Zukunft habe.

Bei Reifen Stiebling betrachtet man den neuen und natürlich hochmodernen Matteuzzi-Belegeextruder vom Typ RAS 60 – 2M AZ Smart angesichts seiner Präzision beim Auftragen des Bindegummis und beim spannungsfreien Belegen der Karkasse mit dem Laufstreifen als „Gamechanger“ im Prozess (Bild: Reifen Stiebling)
Neben diesen Erwägungen komme bei Reifen Stiebling aber noch eine weitere zum Tragen: Die Rundneuerung sei „ein unglaublich omnipräsentes Thema in der Zentrale“, und zwar nicht nur aufgrund der räumlichen Nähe am Standort in der Jean-Vogel-Straße in Herne und der über 80-jährigen Geschichte in einem beinahe 100-jährigen Unternehmen. Jeder Mitarbeiter – gerade auch die handwerklich wie auch die kaufmännischen Auszubildenden – von Reifen Stiebling bekomme „die Runderneuerung erklärt, bei Vertriebstreffen werden Plädoyers gehalten“, so Alexander Stiebling, der ergänzt: „Die Runderneuerung ist ein USP für Reifen Stiebling und Teil unseres langfristigen Geschäftsmodells.“
Gerade um auch Kunden zukünftig das Thema Runderneuerung noch näherzubringen, als dies vielleicht derzeit der Fall ist, wolle Reifen Stiebling künftig deutlich intensiver in die externe Kommunikation zum Thema einsteigen und dabei vor allem auf Führungen durch die Produktionsstätte setzen. „Das hilft immer, Meinungen zu ändern“, weiß Seniorchef Christian Stiebling, der dazu in der Produktion auch Infotafeln zu den verschiedenen Prozessschritten anbringen lassen und künftig regelmäßig zu sogenannten „Malocher-Events“ einladen will. Seit 2021 ist Reifen Stiebling mit dem kaltrunderneuerten Reifen namens Malocher im Markt und hat davon seither eigenen Worten zufolge bereits über 10.000 Stück verkauft.
Quelle: Reifen Stiebling nimmt „enkelfähige“ Runderneuerung nach Feuer wieder in Betrieb | Reifenpresse.de
